Drei Jahre Kavallerist

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    Husaren14
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    Anmeldedatum : 06.09.12

    Drei Jahre Kavallerist

    Beitrag von Husaren14 am So Sep 30, 2012 11:14 pm

    Drei Jahre Kavallerist

    »Dragoner-Regiment 13« – so hatte man mich bei der Aushebung angeschnarrt. Bei dieser Truppe sollte ich nunmehr drei Jahre preußische Zucht und Ordnung kennen lernen.

    Nun, ich hatte es nicht ungern gehört, daß ich Soldat werden mußte – wenigstens hatte ich das Kommißleben dann doch durchgemacht und »konnte mitreden«, wenn sich andere darüber unterhielten. Dümmer würde ich sicher nicht danach werden, wenn ich drei Jahre im bunten Rock abriß. Auch war es eine Abwechselung in dem ewigen Einerlei der ländlichen Arbeit, die ich nun schon jahrelang verrichtete, und schließlich: man wird auf dem platten Lande immer für etwas voller angesehen, wenn man Soldat war. Also: meinethalben!

    Für die Kavallerie hatte ich mich schon seit jeher besonders interessiert, mehr wie für die »Sandhasen« oder »Kanonenstöpsel«. Ich dachte an all die Erzählungen, die ich in meiner Jugend über das Soldatenleben mit angehört hatte; versetzte mich in die Zeit zurück, wo ich zu Hause während der Herbstmanöver den einquartierten Soldaten nachgelaufen war und meine helle Freude an der schmetternden Militärmusik gehabt hatte. Wie schön mußte es doch sein: Reiten, Turnen und Fechten nach Belieben und mit Musik; gut Essen und Trinken, in feiner Uniform umherspazieren, dazu Geld wie Heu; im schlimmsten Falle mal ein bißchen Krieg, aus dem man natürlich ordengeschmückt wieder heimkehrt.

    Hieß es doch auch in einem »Mahnwort an die jungen Rekruten«, das man uns in die Hand drückte, also:

    »Der Soldat trägt des Königs Rock; er wird dadurch gleichsam ein anderer Mensch. Sein Gang wird stolz und elastisch, seine Haltung edel und selbstbewußt. Durch Strapazen und den täglichen Dienst wird sein Körper abgehärtet und gestählt, deshalb erträgt er sie mit Freuden. Die militärische Disziplin lehrt ihn Order parieren, damit er gegebenenfalls selbst Befehle erteilen kann. Sein Ehrgefühl verfeinert sich. Nur in Waffen fühlt der Mann sich stolz und frei, mit Wehr und Waffen verteidigt er auch, wenn's Gott befiehlt, die Ehre der Nation. Auf den Schultern des Soldaten ruht das Wohl und Wehe des gesamten Vaterlandes. Er ist es, der mit todesverachtendem Mute die Grenzen des Reichs, sowie Hab und Gut des Volkes schützt. Darum: Glücklich, wer berufen wird, unter die Fahne zu treten; die militärische Dienstzeit macht den Jüngling erst zum vollen Mann!«

    Das klang ja wirklich nett. Also: Kopf hoch.

    Das Regiment lag in Elsaß-Lothringen, in der berühmten Festung Metz. Ich würde also historischen Boden betreten, jenen Teil des Reichslandes, auf dem mehrere der wichtigsten und blutigsten Schlachten des Krieges von 1870/71 geschlagen worden waren. Ich bekam somit auch noch etwas von der Welt zu sehen. Und das besonders freute mich. In der Ostecke Deutschlands war ich geboren, an der Waterkant im Nordwesten hatte ich jetzt jahrelang gearbeitet, nun sollte ich die Südwestecke kennen lernen – das konnte keinen Schaden tun. Zweifellos war's besser, als wenn ich nie aus meinem hinterpommerschen Geburtsorte herausgekommen wäre.

    Wohlgemut wanderte ich nach dem Flecken, der zugleich Eisenbahnstation ist. Hier erhob ich auf der Steuerkasse noch meine »Marschkompetenzen« in der imponierenden Höhe von 24 Groschen, und dann ging's nach dem Bahnhof. Dort warteten bereits eine Anzahl Rekruten aus anderen Dörfern auf den nächsten Zug. Auch sie sollten nach Metz zu den Dragonern oder nach Straßburg zu den Ulanen. Schnell waren die zukünftigen Regimentskameraden mit einander bekannt. Während der Fahrt gesellten sich auf den verschiedenen Stationen noch weitere »Vaterlandsverteidiger« zu uns. Die meisten waren ausgelassen lustig, nur einige ziemlich niedergedrückt, wie wenn sie trüber Ahnungen voll wären.

    In Rendsburg, dem gemeinsamen Sammelpunkt der Rekruten, suchte sich jeder ein Nachtquartier. Am an deren Morgen hatten wir uns alle auf dem Paradeplatz einzufinden. Dort erschienen bald einige Offiziere und Unteroffiziere vom Bezirkskommando, die den Haufen ordneten und sich überzeugten, ob alles richtig zur Stelle war. Wir empfingen alsdann in einer alten Trainbaracke jeder eine Wolldecke zum Gebrauch während der mehrtägigen Eisenbahnfahrt, und dann wurde der Trupp nach dem Bahnhof geführt. Bald waren die Mannschaften in den Waggons untergebracht – und fort ging's, dem neuen Bestimmungsorte entgegen.

    Während der fast dreitägigen Fahrt herrschte unter uns jungem Volk meist eitel Fröhlichkeit. Das wogte in den verqualmten Wagen hin und her, wie in einem Ameisenhaufen. Hier kaute einer an dem Schinken, den ihm die fürsorgliche Mutter eingepackt hatte; dort bearbeitete jemand einen mächtigen »Stuten«, das Geschenk einer alten guten Tante. Gruppenweise standen andere zusammen, lärmten und gröhlten und ließen vergnügt die Flasche kreisen.

    Unterdessen rollte der Zug immer weiter. Hamburg – Bremen – Osnabrück. Erstes Nachtquartier, unvergeßlich wegen der zahllosen Wanzen, die uns im Schlafe peinigten. Essen – Düsseldorf – Deutz. Übergang über die Rheinbrücke nach Köln, dann Trier. In der Stadt des heiligen Rockes zweites Nachtquartier. Hier trank ich die erste Flasche Wein in mei nem Leben, obendrein noch in einer »Damenkneipe«; ich konnt's mir ja leisten, da der Halbjahrslohn in meiner Tasche steckte. Am nächsten Tage ging die Fahrt durch das herrliche Moseltal. Als Diedenhofen passiert war, suchte jeder seine Siebensachen zusammen. Die Flasche machte noch einmal die Runde, Heimatslieder erklangen, dann aber lagerte sich eine erwartungsvolle Stille über den Transport. Mit gewisser Besorgnis im Ton sagte nun schon mancher zu seinem Nachbar: Bald sind wir da, wie wird's uns gehen? Da horch, ein schriller Pfiff der Maschine; der Zug mäßigt seine Geschwindigkeit. Langsam rollt der Wagentrain in den Bahnhof. Metz ist erreicht.

    Aussteigen! Schon werden die Rekruten von einem Offizier und mehreren Unteroffizieren nebst dem Trompeterkorps des Regiments erwartet. Die meisten von uns sehen hier die hellblaue Uniform der 13. Dragoner zum erstenmal. Schnell bringen die Unteroffiziere etwas Ordnung in den wirren Haufen, die Trompeter setzen sich an die Spitze des Zuges, und unter den Klängen der lustigen Marschmusik geht's durch die Stadt nach der Kaserne.

    Bei diesem Marsch gab es für uns Dörfler natürlich allerhand zu bewundern. Besonders die riesigen Festungswälle und Wallgräben am Bahnhofstor machen auf jeden Neuling einen gewaltigen Eindruck. Alle staunten wir die mächtigen Kriegsbollwerke im Vorbeigehen an.

    Endlich waren wir auf dem Kasernenhof. Die Musik trat ab. Dafür kamen aus der nahen Kantine die Wachtmeister der einzelnen Schwadronen und musterten unseren Rekrutenhaufen. Der eine meinte lachend: »Na da wäre ja unsere Mobilgarde.«

    Sie sahen übrigens recht gewichtig aus, diese Wachtmeister. Besonders zwei von ihnen hatten einen so netten Leibesumfang, daß ich gleich im Stillen das Pferd bedauerte, das solchen uniformierten Fettkloß tragen mußte.

    Ich wandte meine Blicke dem massigen Kasernenbau zu. Zwei mächtige, fast unheimliche Gebäude schlossen die beiden Längsseiten des Kasernenhofes ein. In dem einen lag Infanterie, in dem anderen die Dragoner. Ein drittes Gebäude mit Portal und Wache verband die beiden ersteren miteinander, so daß der Kasernenhof ein Rechteck bildete, der an seiner vierten Seite von der Kantine und einer Mauer begrenzt war.

    Aus den vielen Fenstern guckte hier und da der kurz geschorene Kopf eines der dienenden Mannschaften heraus, die untenstehenden Rekruten mit überlegenem Grinsen betrachtend. Im Parterre der drei Gebäude befanden sich die Pferdeställe. An einem derselben las ich deutlich die Worte:

    1. Eskadron, Dragoner-Regts. Nr. 13

    16 kgl. Dienstpferde.

    Doch zu langen Betrachtungen blieb keine Zeit. Eine Anzahl Offiziere näherten sich. Es waren der Regimentskommandeur, die fünf Rittmeister, der Adjutant und mehrere Leutnants. Vornehm und stolz schritten sie an den jungen Mannschaften vorüber, den Wachtmeistern einige kurze Befehle erteilend. Aus dem Rekrutenhaufen wurden jetzt fünf Trupps formiert, für jede Schwadron einer. Die Verteilung erfolgte ziemlich gleichmäßig, je nach dem bürgerlichen Beruf der Rekruten. Ich kam zur 1. Schwadron.

    Die Trupps wurden nun von Unteroffizieren nach den Blocks auf die Rekrutenstuben geführt, woselbst jeder einen Spind angewiesen erhielt. Schnell entledigte man sich seines Gepäcks. Dann rief ein Unteroffizier: »Antreten zum Essenholen!« Jedem Manne wurde ein Eßnapf ausgehändigt, und hierauf ging's im Gänsemarsch nach der Küche. Auf der schwarzen Küchentafel prangte die vielverheißende Inschrift: Milchreis mit Wurst. Aus dem mächtigen Kessel schöpfte ein in auffallend schmierigem Drillzeug steckender »Küchenhamster« jedem einen Klacks des Breis in den Napf. Ein zweiter Küchenmann verabreichte dazu ein Stückchen gewöhnlicher Blut- oder Leberwurst. Wieder auf der Stube angelangt, gruppierte man sich auf den einfachen Schemeln oder Böcken bunt um den großen Tisch und begann seinen Milchreis auszulöffeln. Manchem wollte es allerdings nicht recht schmecken; er öffnete schleunigst seinen Spind und labte sich an den mitgebrachten Mundvorräten.

    Nach beendeter Mahlzeit hatten wir Rekruten Ruhe. Wir hörten zwar die Signale zum Stalldienst und sahen die alten Mannschaften nach den Ställen laufen, doch wir selbst durften uns ungestört den Eindrücken überlassen, die der erste Tag in der Kaserne auf uns machte. Des Abends kam der Unteroffizier vom Tagesdienst mit einem Gefreiten auf die Stube. Er befahl uns Rekruten, von unseren Plätzen aufzustehen, und erklärte, daß der Gefreite als Stubenältester bei uns bleiben werde. Wir hätten ihn als unseren Vorgesetzten zu betrachten und seinen Anordnungen unweigerlich Folge zu leisten. Dann wurde auf der Kasernenwache die Retraite geblasen, das Zeichen zur Ruhe zu gehen. Der Stubengefreite wies jedem eins der zu zweien übereinanderstehenden Betten an, und auf hartem Strohsack träumte ich bald von den zukünftigen Freuden meines nunmehr ernstlich beginnenden Kommißlebens.

    Am andern Morgen punkt 4 Uhr ertönte ein Trompetensignal. »Aufstehen«, rief der eintretende Unteroffizier vom Dienst. »Na nu man raus aus der Falle!« schallte es auch gleich darauf aus dem Munde des Stubengefreiten. Ich schnellte von meinem Strohsack in die Höhe, prallte aber sofort wieder zurück, denn mein Kopf hatte eine recht fatale Bekanntschaft mit der oberen Bettstelle gemacht. Mein über mir liegender Kamerad hatte das umgekehrte Pech, denn als der die Beine aus der »Klappe« warf, fand er keinen Boden unter den Füßen; unsanft purzelte er aus der »oberen Etage« herab. Ähnlich ging es mehreren. Einige Schläfer aber, die an ein so zeitiges Aufstehen nicht gewöhnt waren und sich in die neuen Verhältnisse nicht schnell genug hineinzufinden vermochten, rieben sich auf dem Strohsack schlaftrunken die Augen. Doch wie erstaunten sie, als ihnen der Gefreite da plötzlich mit rauher Hand die Decke vom Leibe riß und mit künstlich gesteigerter Vorgesetztenstimme losbrüllte: »Na wollt ihr nicht raus aus dem Stinkkorb, ihr Stifte? Ihr glaubt wohl, ihr seid noch bei Muttern. Raus, oder ich gieß' Euch 'n Krug Wasser über 'n Balg!«

    Ein solcher Morgengruß verfehlte seine Wirkung nicht. Auch die Verschlafensten krochen jetzt eilig zwischen den Betten hervor und fuhren in die Kleider.

    »So nun wollen wir Klappen bauen, in den Stall braucht ihr heute morgen noch nicht«, ließ sich der Gefreite vernehmen. Hierauf mußten sich sämtliche Rekruten aufstellen. Der Gefreite schüttete seinen Strohsack auf, breitete die Wolldecken aus, legte sie glatt gefaltet wieder zusammen, zog die Schlupe darüber und praktizierte das Ding dann mit graziösem Schwung auf den Strohsack. Ein Kniff bei dem Kopfpolster, und die Klappe war vorschriftsmäßig »gebaut«. Nun mußten wir unsere eigenen Betten vornehmen. Aber du lieber Gott, war das ein Gewühl! Einer stand dem anderen im Wege, wir rannten uns fast gegenseitig um. Dem Gefreiten machte das Gekrabbel offensichtlich Vergnügen, dennoch schimpfte er wie wild, als den ungeschickten Händen seiner Untergebenen das »Bauen« nicht gelingen wollte. Glaubte jemand, seine Falle so leidlich in Ordnung zu haben, so fuhr ihm der liebenswürdige Vorgesetzte mit seinen zarten Händen wieder dazwischen. »Dat is jarnischt, nochmal machen!« hauchte er ihn an, und der Verblüffte konnte wieder von vorn anfangen. Endlich waren die »Klappen« halbwegs im Lot. »Na jut is das noch lange nicht«, meinte der Gefreite zu der schnaufenden Kolonne, »aber wartet nur, ihr lernt's schon; für heute mag's so gehen.«

    »Jetzt vorwärts, die Bude reinigen! Wasser holen, ausfegen!« Die Spinde wurden abgewischt, die »Böcke« obendrauf gepackt; dann wurde der Fußboden besprengt und mit einem bis zur Unkenntlichkeit abgenutzten Besen gefegt. Nach einer halben Stunde erklärte der Gefreite: »Dreckig genug sieht's noch aus, doch wir haben keine Zeit mehr. Antreten zum Jietzen!«

    Verwundert sahen wir uns an. »Jietzen«, was ist das? »Vorwärts, kriegt eure Jietznäppe raus, ich meine eure Freßtöppe!« Jetzt fingen wir an zu begreifen. Wir holten unsere Eßnäpfe aus dem Spind und trabten unter Führung des Gefreiten nach der Küche, wo jedem ein mächtiger Löffel brauner Brühe in den Napf geschöpft wurde. Das war unser »Kaffee«.

    Nach beendetem Frühstück kamen eine Anzahl »alter Leute« auf die Stube, jeder einen Haufen Uniformstücke, Waffenröcke, Hosen, Drillzeug, Halsbinden, Stiefel, Mützen, Helme, Hemden usw. auf dem Arm. Der Kammerunteroffizier oder Quartiermeister folgte mit einer Klopfpeitsche in der Hand.

    »Lumpen empfangen!« rief der Gefreite. Nun ging's ans Verpassen der Sachen, ans Einkleiden; es war die »fünfte Garnitur«, die an uns verteilt wurde. Himmel, war das eine Garderobe! Die Hosen mit dem geflickten Reitleder konnten fast alleine stehen, so steif waren sie, ein Lappen saß am anderen. Die Röcke schienen etwas besser zu sein, immerhin mußten auch sie schon manchen Sturm erlebt haben; das Futter war vielfach zerrissen und der Besatz abgeschabt. Am drolligsten sahen die Stiefel aus; wahre Quadratlatschen mit vernagelten Sohlen und abgeplatzten Riestern, dazu mit so unförmlich weiten Schäften, daß unsere nicht übermäßig starken Waden sozusagen fast nirgends anstießen.

    Natürlich war jeder von uns bestrebt, möglichst gute Sachen zu erhalten. Schien ihm ein Stück gar zu schlecht, so wandte er sich mit süßsaurer Miene an den Quartiermeister: »Herr Serschant, dies paßt nicht.« »Warte nur, dir soll der Wallmusch schon passen«, rief dieser, und schwapps gab's einen mit dem Rockärmel um die Ohren. »Drück' deinen dicken Buttermilchsbauch ein bißchen zusammen, du Rhinozeros, damit du den untersten Knopf zukriegst«, schnauzte der edle Sergeant weiter; oder »Mach daß du mit deinen krummen Knochen in die Treter reinkommst, sonst helf ich dir, du Torfbauer«.

    Konnte jemand keine passende Mütze finden, der Quartiermeister wußte Rat. »Komm her, du altes Kamel, sieh mal, diese Morgenhaube wird woll auf deinen dämlichen Dickkopp passen.« Damit streifte er dem Unglücksraben die erste beste Feldmütze über den Schädel. Am amüsantesten – für den Quartiermeister – war das Verpassen der Helme. Ich denke noch heute daran, wie er mir einen dieser messingbeschlagenen Ledertöpfe mit solcher Wucht auf den Kopf stülpte, daß ich beinahe zusammenknickte. Dabei sagte er mit vergnügtem Lachen: »Siehst du, ich finde schon eine Dunstkiepe für deinen Brummschädel, das Zündhütchen paßt wie angegossen.«

    Endlich sind die Mannschaften eingekleidet. Der Quartiermeister wirft noch einen letzten prüfenden Blick auf sein Werk, und siehe, es war sehr gut.

    »Antreten zum Putzzeug kaufen!« ruft nach einer Weile der Gefreite. Die Rekrutenunteroffiziere gingen nun mit ihren Zöglingen nach der Kantine. Hier erhielt jeder Rekrut gegen gleich bare Bezahlung die nötigen Putzutensilien. Wer kein Geld hatte – es gab auch solche Leute unter uns – dem wurde der Betrag dafür nach und nach von der Löhnung abgezogen. Ach, was braucht doch ein Kavallerist alles für Putzzeug! Knopfgabel, Wichse, Klopfpeitsche, verschiedene Bürsten, Stiefel- und Sattelzeugschmiere, Hufkratzer, Polierkette, Putzstein, Putzkalk, Putzlappen, Neuweiß, Talkum, Putzöl, Nadel und Zwirn, dazu den Brustbeutel und nicht zu vergessen den Putzbeutel, in dem man all diese Herrlichkeiten in der Rekrutenzeit umherschleppen mußte. Hinzu kommen noch Fußlappen und ein Spindschloß. Es ist immer ratsam, das Putzzeug nicht zu knapp anzuschaffen, denn die »alten Leute« betrachten es durchgehends als ihr Privilegium, sich ihren Bedarf an Putzkram von den Rekruten zu »leihen«, das heißt auf Nimmerwiedersehen. Wem's nicht paßt, der kriegt 'n »Flicken«; »melden« ist nicht.

    Nach dem Mittagessen – es gab »Graupen mit Pflaumen«, Scheibenkleister nannten die alten Leute dies Futter – ertönte ein Signal. Gleich darauf riefen die Unteroffiziere: »Nach dem Stall!«

    Hier wurden wir zu je 12–14 Mann einem Beritt zugeteilt, der unter dem Befehl eines Unteroffiziers oder Sergeanten steht. Verwundert blickten wir Neulinge im Stall um uns. Da standen in einer Reihe, durch Flankierbäume von einander getrennt, die Dienstpferde; jedes Tier hat seinen Namen, der auf einer kleinen schwarzen Tafel über dem Pferdestand angeschrieben ist. An der gegenüberliegenden Wand hingen an einfachen Holzgestellen Sättel und Zaumzeug. Zwischen diese kamen später, nach ihrer Einführung, in passenden Ständern die Lanzen zu stehen. Der Berittführer notierte sich jetzt die Namen seiner Leute, erklärte die Stalleinrichtungen und wies jedem ein Pferd an. Mit fast ehrfürchtiger Scheu gingen die jungen Dragoner, besonders die, die bisher noch kein Pferd »in der Hand« gehabt hatten, zu ihren Rossen, um sich ihre »bessere Hälfte« ein wenig in der Nähe zu betrachten. Inzwischen ist jeder überzeugt, den edelsten Renner erhalten zu haben, obwohl die alten Gäule gegenwärtig gar nicht so kriegerisch aussahen.

    »Streu machen!« ruft nun der Berittführer. Noch standen wir Rekruten ratlos da. Was sollten wir anfassen! Doch schon nahen Helfer in Gestalt zweier alter Leute. »So nu man ran an den Speck! Mist aussammeln! Ah, ihr glaubt wohl, dazu gibt's 'ne Schaufel? Nee ihr Stifte, das wird hier mit den Händen ge macht, seht mal so –« Und nun schüttelten sie sorgfältig den Mist aus einem Stand auf den Damm, dabei möglichst wenig Stroh mitnehmend. Auch wir faßten jetzt an. Mir wollte das wenig ausmachen, die Roßäpfel in die Hand zu nehmen, ich war die Dinger ja gewöhnt, also griff ich herzhaft zu, daß mir der Saft zwischen den Fingern durchlief. Einer aber, der im Zivilleben Handlungsgehilfe gewesen war, schien eine unüberwindliche Abneigung gegen die Pferdekötel zu haben. Gebückt stand er hinter seinem Gaul und suchte mit Hilfe eines Strohbündels die nicht ganzen oder schon zertretenen Miststücke auf den Damm zu praktizieren. Im nächsten Augenblick aber erhielt er einen dermaßen kräftigen Fußtritt in die Nordseite, daß seine Nase die intimste Bekanntschaft mit dem Stalldreck machte. Aus vollem Halse lachend, sagte der Berittführer zu ihm: »Ach du glaubst woll, du stehst noch zu Hause hinter der Tonbank und verkaufst Nudeln, was? Nee, mein Junge, hier kommt das anders!«

    Als schließlich die Streu in Ordnung gebracht war, mußten wir den Mist auf die Stallkarre laden, natürlich auch mit den Händen. Hierbei hatten wir fein säuberlich noch jedes Hälmchen Stroh aus dem Haufen auszulesen, damit so wenig wie nur möglich von diesem kostbaren Material nach der Dungstätte kam. Man glaube nun nicht etwa, daß in dem Stalle keine Schaufel vorhanden gewesen wäre. Im Gegenteil, die Mannschaften jedes Beritts hatten gemeinsam solch Instrument anzuschaffen. Von den Rekruten durfte es aber nur zum Gradestoßen der Streu gebraucht werden, damit diese nach dem Damm zu eine saubere gerade Linie bildete.

    »Pferdeputzen!« befahl jetzt der Berittführer. Es folgte diesem Befehl zunächst eine kleine Instruktion über Wartung und Pflege des Pferdes. Dann hatte jeder Mann von seinem Pferde zwölf »Striche« zu schlagen. Hierauf wurden die Hufe des Tieres sorgfältig gewaschen und ausgekratzt, und zuletzt mußte diesem mit einem Lappen höchst sauber der – After gereinigt werden, für den Neuling eine wenig appetitliche Arbeit, die nach Ansicht des Unteroffiziers aber durchaus notwendig war, damit der Kavallerist sein Pferd auch genau »von innen und außen« kennen lernte. Damit war der Stalldienst beendet; wir Rekruten trabten wieder auf unsere Stube.

    »Knöpfeputzen, Stiefel und Hosenleder wichsen! In einer Stunde ist Appell vor dem Herrn Rittmeister«, ließ sich der Unteroffizier vernehmen. Der Stubengefreite unterzog sich der Mühe, uns in die Geheimnisse des Knöpfeputzens einzuweihen. Alles »fummelte« bald mit Eifer drauf los. Einen schnurrigen Anblick gewährte uns das Wichsen der Hosenleder. Einer stellte sich auf Befehl des Gefreiten hinter den andern, balsamierte seinem Vordermann die hintere Breitseite gründlich mit Wichse ein, und bürstete nun im Schweiße seines Angesichts so lange auf diesem »besten Teile des Kavalleristen« herum, bis das Reitleder hübsch schwarzblank erglänzte.

    »Antreten zum Appell!« kommandierten hierauf die Unteroffiziere. Sämtliche Rekruten wurden auf dem Kasernenhof in zwei Gliedern aufgestellt. Jetzt nahte mit umgehängtem Mantel, ein dickes Buch zwischen den Rockknöpfen, der bedeutendste Mann der Eskadron, der Herr Wachtmeister. Der Rittmeister mitsamt den Leutnants, obwohl sie als Offiziere zwar »turmhoch« über ihm stehen, – was sind sie in den Augen der Mannschaften gegen einen Wachtmeister! Umsonst führt der Gewaltige nicht den Beinamen »Mutter der Schwadron«. Viel Mütterliches habe ich an ihm zwar nie bemerkt, und die andern auch nicht. In der Schwadron führte er nur allgemein den Spitznamen »Aßmus«. Woher dieser Name stammte, wußte niemand; er hatte sich von Jahrgang zu Jahrgang fortgeerbt und war den Unteroffizieren genau so geläufig wie den alten Mannschaften.

    »Aßmus« schritt mit Würde die Front ab, jeden Rekruten scharf musternd. Er schien ein geborner Nörgler zu sein, an den meisten hatte er etwas auszusetzen. Diesem paßte der Rock nicht richtig, jenem war die Feldmütze zu groß. Der eine war ihm auffällig wegen seiner »Stupsnase«, der andere hatte wieder einen »Nußhaken«. Überhaupt mußte der Mann mit Vorliebe Nasenstudien treiben, denn er verfügte über ein ganzes Arsenal von Kunstausdrücken, die sich alle auf den ominösen Gesichtsvorsprung der Leute bezogen. Riecher, Rüssel, Hörnchen, Zinken, Gurke, Gummel, Apfelpflücker und andere liebliche Bezeichnungen wußte er in schönster Reihenfolge auf die Nasen seiner »braven Dreizehner« anzuwenden. Hier befühlte er dann die »Hühnerbrust« eines Rekruten, dort machte er sich lustig über die »Säbelbeine« eines seiner »Gardisten«. Auch Hände und Füße dienten ihm als Zielscheibe seiner geistreichen Bemerkungen. Diesem sagte er eine Schmeichelei über seine »dreckige Fuhrmannsklaue«, an einem andern interessierten ihn wieder die »Misttreter«.

    »Stillgestanden!« hieß es plötzlich. Zwei Offiziere schritten vom Portal aus auf die Mannschaften zu, der Herr Rittmeister und der Rekrutenleutnant. »Aßmus« ging ihnen entgegen, schlug die Hacken zusammen, daß die Sporen klirrten, und meldete: »Rekruten sämtlich zur Stelle.« Der Rittmeister tipptè dankend an seine Mütze. Alles stand erwartungsvoll da. Mit einer schwer zu beschreibenden quäkigen Stimme sagte dann der »Pascha« – dies war sein Spitzname: »Na Wachtmeister, nun wollen wir uns die Gesellschaft mal ansehen.«

    Hierauf schritt er an uns Rekruten entlang, jeden mit einem künstlich verstärkten Blick anschauend, hier und da einige Worte an einen richtend, der ihm durch irgend etwas auffiel. In seinem ganzen Auftreten markierte er etwas Väterlich-Wohlwollendes, zugleich aber auch Vornehm-Imponierendes. Nachdem »Pascha« mit seiner Musterung fertig war, schritt er vor die Front und hielt uns etwa folgende Rede:

    »Rekruten! Das Zivilleben hat jetzt auf drei Jahre für euch ein Ende. Ihr seid jetzt königliche Dragoner. Ich erwarte von euch die größte Pünktlichkeit im Dienst, Propretät und straffe Disziplin. Denkt stets an die Pflichten, die ihr dem Vaterlande und vor allem eurem allerhöchsten Kriegsherrn, Sr. Majestät dem Kaiser gegenüber habt. Denkt an die hohe Ehre, die euch zuteil geworden ist, des Königs Rock tragen zu dürfen. Im übrigen heißt es hier: Was befohlen wird, wird gemacht – was geblasen wird, wird geritten! Guten Morgen, Kinder!«

    Welchen Eindruck diese nachmittägliche Gutenmorgenpredigt auf uns Rekruten machte, ist mir noch heute schwer zu sagen. Wir waren jedenfalls alle recht verdutzt von ihr.

    Nachdem sich der Rittmeister verabschiedet hatte, mußten wir auf der Stube »zur Instruktion« antreten; dort wurden wir von den Berittführern aufgestellt. »Achtung!« rief ein Sergeant, und der Herr Leutnant trat ein.

    Es war ein junges Herrchen mit semmelblondem stark pomadisierten Haar, sehr dürren Beinchen, mächtig wattierter Brust und Anflug von Schnurrbart, natürlich von Adel, wie die meisten Kavallerieoffiziere, und verdammt vornehm. Herablassend grüßte er mit der Hand. Dann nahm die Instruktion ihren Anfang. Sie bestand zur Hauptsache in einem Vortrag über das Verhalten und die Pflichten des Soldaten. Zum Schluß sagte der Herr Leutnant in unnachahmlichem Jargon: »Kerls, ihr steht bis auf weiteres unter meinem direkten Befehl, sowohl beim Fußdienst als auch beim Reiten. Hat jemand Beschwerden irgendwelcher Art, so gestatte ich ihm, sich deswegen direkt an mich zu wenden, obwohl das sonst nicht erlaubt ist. Das heißt, mit jeder Kleinigkeit dürft ihr mir nicht kommen. Den Unteroffizieren sowie dem Stubengefreiten habt ihr unbedingten Gehorsam zu leisten, und auch gegen die länger gedienten Mannschaften, die alten Leute, habt ihr bescheiden und nicht frech zu sein. Richtet euch danach! Abtreten!«

    Als der Leutnant die Stube verlassen wollte, sprang dienstbeflissen der Gefreite herbei und öffnete ihm die Stubentür. »Das nächste mal macht das einer von euch Stiften, sonst raucht's euch in die Bude; versteht ihr?« fauchte er uns an, als der Offizier gegangen war.

    Darauf hieß es »Brot empfangen!« Wir bekamen jeder unser erstes Kommißbrot, diese Würze des ganzen Kommißlebens, ausgehändigt. Liebevoll packten wir das Manna in unser Spind. Dann durften wir uns den Abendkaffee holen. Nach dem »Jietzen« folgte wieder Stalldienst wie am Mittag, jedoch ohne Pferdeputzen; nur bekamen die Pferde frische Streu und zur Abfütterung ein Quantum Heu auf die Raufe. Damit war's sieben Uhr abends geworden. Feierabend? Ach nein. Noch müssen Knöpfe und Reitstiefel geputzt werden, denn morgen begann für uns Rekruten der erste Reitdienst, wie der Wachtmeister beim Abendappell bereits verlesen hatte, und dieses Putzen dauerte sehr lange, weil dem Gefreiten die »Fummelei« immer wieder nicht gut genug erschien. Inzwischen rief der Paroleschreiber die Rekruten zu je fünf Mann nach dem Wachtmeisterbureau, wo wir gegen Quittung unser mitgebrachtes Geld bis auf sechs Mark abliefern mußten, damit wir nicht zu »üppig« würden, wie »Aßmus« sich ausdrückte. Auch hatten wir unsere »Zivillumpen« zusammenzupacken, damit sie später per Post in die Heimat zurückgeschickt werden konnten.

    Endlich wird auf der Wache geblasen; es ist neun Uhr. Der Unteroffizier vom Tagesdienst im vollen Dienstanzug tritt ein. »Achtung!« ruft der Gefreite, und in straffer Haltung hat sich jeder an seinem Bett aufzustellen. »Alles da?« fragt der Unteroffizier. Es fehlt natürlich niemand am ersten Tage. »Zu Bett« hieß es dann. Wir entkleideten uns und krochen in die Falle. Träumen durfte jeder, was er Lust hatte. Das war der erste Tag im königlich preußischen Militärdienst.

    »Aufstehen!« ruft mit Stentorstimme der Unteroffizier vom Tagesdienst, der unten im Stall bei der Stallwache auf einer Pritsche geschlafen hat. Es ist halb vier Uhr morgens. Warum denn heute eine halbe Stunde früher heraus? Der Gefreite gibt die Antwort. »Ja ja, ihr Stifte, kiekt euch man nicht so verwundert um; die ersten acht Tage werdet ihr 'ne halbe Stunde früher raus geflenst als die alten Kerls, damit ihr eure Klappen rechtzeitig in Ordnung habt, wenn's ›in den Stall‹ bläst.« Stumm und verdrießlich bauen wir unsere Klappen, ähnlich wie am vorigen Morgen. Um vier Uhr ertönt das Signal zum Stalldienst, und alles poltert die Treppen hinunter, um ja nicht etwa als Letzter in den Stall zu kommen. Denn der Gefreite hat bereits angedroht: »Wer nicht rechtzeitig sich nach dem Stall finden kann, erhält zur Strafe acht Tage Stubendienst extra.« Das bedeutet, er muß des Morgens, Mittags und Abends, wenn seine Kameraden Ruhe haben, die Stube ausfegen, den Schmutz nach der Müllgrube tragen, Wasser holen, und was derartige kleine Annehmlichkeiten mehr sind.

    Im Stall vollzieht sich der Dienst nun täglich in derselben Reihenfolge: Mist auslesen, Streu aufschütteln, Pferde tränken (das Futterschütten wird von der Stallwache besorgt), Ausfegen, Striche schlagen und so fort. Wer von seinem Gaul nicht die vorschriftsmäßigen zwölf Striche herunterputzt, oder sich nach Ansicht des Berittführerrs im Putzen lässig zeigt, der muß »nachputzen«, während die übrigen beim »Jietz« sitzen.

    Ein beliebtes Mittel, den Rekruten flinke Beine zu machen, damit sie nach dem Stall kommen, ist eine Lektion mit dem Obergurt. Dieser dient für gewöhnlich zur Befestigung des Sitzkissens auf dem Sattel oder des Woilachs (Pferdedecke) auf blankem Pferde. Im gedachten Falle stellen sich auf Veranlassung der Unteroffiziere eine Anzahl alter Leute an der Stalltür auf, und jeder Rekrut, der ihrer Ansicht nach nicht schnell genug nach dem Stall kommt, erhält wahllos seine Hiebe. Wer sich dabei noch schief umsieht, riskiert als »Frechdachs« eine doppelt gepfefferte Extrazulage.

    Mir persönlich wurde sie schon am fünften Tage meiner Dienstzeit zu teil. Mein Berittführer war nämlich der Ansicht, daß ich für einen Bauernknecht etwas zu »helle«, zu »frech« aus den Augen sehe. Deshalb gelobte er mir »Senge«, obwohl er im Dienst sonst ganz gut mit mir zufrieden war. Ich hätte noch so gewisse »Zivilmucken« an mir, meinte er, deswegen müßte ich erst mal militärisch gehörig zurecht gestaucht werden, dann könne aus mir noch 'nmal ganz brauchbarer Kerl werden. Zwar war ich des Morgens schon als vierter im Stall, das hinderte jedoch die alten Leute nicht, rechts und links auf mich einzuhauen: sie hatten ja schon vorher ihren »Wink« dazu vom Unteroffizier erhalten. Nun verstand ich das Ding aber verkehrt, packte einen dieser Flegel an der Kehle und fuhr mit ihm zwischen die Sattelböcke. Doch ich hatte ihm nur erst wenige Fausthiebe versetzt, da begannen die Obergurte auch schon im förmlichen Dreschertakt auf mich niederzuklatschen. Ich wußte gar nicht, wo all die alten Leute so schnell hergekommen waren, erst hernach sagte man mir, daß man sie aus den Nachbarställen herbeigepfiffen hatte. Einen von ihnen langte ich mir aus dem Haufen noch heraus und drückte ihn zu Boden, doch was half's, die übrigen prügelten desto wütender auf mir herum, und der Unteroffizier rief sein gedämpftes »feste, immer feste« dazwischen.

    Als mit der Prozedur endlich Schluß gemacht wurde, verschwanden die alten Leute wieder spurlos in ihren Ställen. Einer rief mir im Fortgehen noch zu: »Siehst du, du Stift, dir wollen wir helfen, wenn du dich am alten Kerl vergreifen willst.« Ich aber ging nach der Pumpe auf den Kasernenhof und wusch mir das Blut ab; die lieben Kameraden hatten mir mit den Obergurtringen zwei Löcher in den Kopf geschlagen, deren Narben heute noch sichtbar sind, abgesehen von den Striemen, die ich zahlreich auf dem Buckel trug.

    In meinem Ärger sagte ich nun dem Unteroffizier, daß ich diese durch nichts gerechtfertigte Mißhandlung dem Herrn Leutnant melden werde. Der Unteroffizier erwiderte jedoch mit unverkennbarer Malice: Wenn mir an seinem guten Rat etwas gelegen sei, dann solle ich die Meldung hübsch bleiben lassen; ich hätte ja zwar 'n bißchen reichlichen »Verpflegungszuschuß« erhalten, doch das lecke mir die Katze trotz aller Meldungen nicht wieder ab. Wenn ich aber Lust hätte, »noch mehr« zu bekommen, dann solle ich nur getrost »melden«.

    Nach dem »Jietz« stellte mich auch ein Gefreiter der alten Leute zur Rede, der auch schon gehört hatte, daß ich Meldung erstatten wolle. Er riet mir genau so ab, wie der Unteroffizier und fügte dann ganz treuherzig hinzu: Dabei solle ich mir gar nichts denken; daß die Rekruten von den alten Leuten »vertobakt« würden, sei nun einmal so Mode beim Kommiß; als sie Rekruten gewesen wären, sei es ihnen gerade so ergangen, und wenn ich erst alter Kerl wäre, könne ich es genau so machen; die »Verbimsung« der Rekruten sei nun einmal ein angeerbtes Vorrecht der alten Leute!

    Dieser Logik gegenüber war ich machtlos; ich fühlte, daß sich die alten Leute bei dem Verprügeln der Rekruten tatsächlich »nichts dachten«, die Unsitte hatte sich von Jahrgang zu Jahrgang fortgeerbt, sie lag im militärischen System begründet und wurde von den Vorgesetzten direkt oder indirekt kultiviert. Ich nahm also von einer Meldung Abstand, so wie es vor mir schon Tausende getan und nach mir andere Tausende ebenfalls tun werden.

    »Pferde fertig machen zum Reiten!« befahlen die Unteroffiziere. Später lautet das Kommando einfach: »Satteln.« Die Rekruten aber reiten vorläufig noch nicht auf Sattel, sondern nur auf Sitzkissen und Decke, auch tragen sie aus leicht begreiflichen Gründen noch keine Sporen. »Rausführen!« kommandiert der mittlerweile erschienene Wachtmeister. Mit kleinem Abstand hält jeder sein Pferd am Zügel. Die Unteroffiziere instruieren ihre Mannschaften und lassen sie die ersten kleinen Übungen an den Pferden machen.

    Plötzlich heißt es: »An die Pferde!« Der »Herr Leutnant« erscheint hoch zu Roß. Machem Rekruten, der noch nie auf einem Gaule gesessen hatte, klopft das Herz bei dem Gedanken an die Dinge, die nun kommen sollen. Nach einer kurzen Besichtigung der strammstehenden Mannschaften quäkt der Leutnant: »Nach Zählen fertig zum Aufsitzen!« Die hierauf folgenden Wendungen müssen natürlich mehrmals gemacht werden, ehe sie klappen.

    »Aufgesessen!« lautet ein neues Kommando. Aber o weh! Ein Springen, Hüpfen und Zerren, wie wenn einige Dutzend Hampelmänner an der Strippe tanzen. Die krampfhaftesten Anstrengungen werden gemacht, um den Rücken der Gäule zu erklimmen. Nur wenigen gelingt's; die meisten bemühen sich vergeblich. Die Gelenke sind noch zu steif – und das Pferd zu lebendig, überdies hindern die ungewohnten Lederhosen an freier Bewegung. Immer neue Versuche. Die Köpfe werden rot, Mützen fallen ab und Knöpfe platzen von den Röcken. Zu allem Pech werden auch noch die Pferde immer ungeduldiger. Das ewige Zerren an den Mähnen verdrießt sie. Sie schütteln die Köpfe und drehen sich um sich selbst, einige schlagen sogar hoch hinten aus, um sich der ungeschickten Springer zu entledigen. Für die Vorgesetzten ist das natürlich ein höchst belustigender Moment. Der »Herr Leutnant« amüsiert sich über die kuriosen Luftsprünge seiner Rekruten und lacht. Pflichtschuldigst lachen auch die Unteroffiziere. Die hüpfenden Rekruten aber schielen ziemlich mißvergnügt nach jenen ihrer glücklichen Kameraden, die sich leichter aufs Pferd zu schwingen vermochten wie sie, während diese beim Anblick der zappelnden Schar eine gewisse Schadenfreude nicht unterdrücken können. Ich gehörte zu den letzteren.

    »Helfen Sie den Leuten ein wenig«, sagt schließlich der Leutnant zu den Unteroffizieren. Sofort sind diese mit der Hilfe bei der Hand. »Hier faßt du an, und da faßt du an; so nun abspringen und – 'rauf auf den Jaul.« »I, du alte Kruke, du zappelst ja wie 'n Frosch im Storchschnabel! Der reine Grashüpfer! So´n schiefbeiniger Stoppelhopser! Bist du noch nicht oben, du Mistvieh? Wart' ich werd' dir helfen!« So und ähnlich lauten die zärtlichen Zurufe der Unteroffiziere. Um den liebenswürdigen Ermunterungen auch gleich den nötigen Nachdruck zu geben, werden wohlgemeinte Püffe aufgeteilt und hier und da ein sanfter Kniff in den Allerwertesten verabfolgt. Oder aber, der Unteroffizier stellt sich an die rechte Seite des Pferdes und paßt auf, wenn der Kopf des Rekruten zur Linken des Tieres in die Höhe schnellt. Ein kühner Griff an die Ohren des Delinquenten – und mit den freundlichen Worten: »Ist's gefällig?« lädt er ihn ein, oben Platz zu nehmen.

    Endlich sitzt der letzte Rekrut zu Roß. »Kerls, das ging ja miserabel, das müssen wir gleich noch mal üben«, sagt der Leutnant. »Abgesessen«, »Aufgesessen«, hieß es dann etwa ein dutzendmal; hierauf wurde nach dem Reitplatz abgerückt. Ein bißchen Schritt und Antraben, das ist alles, was in der ersten Reitstunde gemacht wird.

    Des Nachmittags gab's Fußdienst. Geschwindschritt, Laufschritt, Wendungen wechseln miteinander ab, und tragen sehr zur Verdauung der »Fußlappen« bei, wie der Weißkohl beim Kommiß genannt wird.

    Beim Fußdienst wollte mir's nicht so gelingen, wie beim Reiten. Durch eine kleine Verfehlung zog ich mir den Zorn meines Unteroffiziers zu. Wütend brüllte er mich an: »Du bist ein Esel! Was bist du?« Ich schwieg. »Wenn ich dich frage, hast du zu antworten, verstanden? Du sollst sagen: Ich bin ein Esel!« Kleinlaut sagte ich nun: »Ich bin ein Esel.« »Das is jarnischt«, schnauzte der Unteroffizier. »Hin dort drüben an die Wand, marsch, marsch! Und da rufst du, so laut du kannst, zehnmal hintereinander: Ich bin ein Esel!« Ich gehorchte. Wie mir zumute war, will ich verschweigen.

    Der tägliche Dienst wickelte sich von nun an stets mit derselben Gleichmäßigkeit ab: Stalldienst, Reiten, Fußdienst, Instruktion, Putzen; nur daß nach und nach immer erhöhtere Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Mannes gestellt wurden.

    Die ersten Reitstunden sind jedem Kavalleristen unvergeßlich; muß doch so mancher dabei recht unangenehme Bekanntschaften mit dem Erdboden machen. Bei solchen Gelegenheiten erfreut sich dann auch der alte Rekrutengaul auf verschiedene Minuten goldener Freiheit. Ausgelassen galoppiert er reiterlos auf dem Platze umher, macht die lustigsten Bocksprünge und stößt dabei die kraftvollsten Freudentöne – unter dem Schweif hervor. Doch das sind Momente, über die schließlich jeder lacht. Aber nur zu häufig hat man »nichts zu lachen«. Nicht nur, daß einem der Reitlehrer ab und zu eine gute Handvoll Sand ins Gesicht wirft, nein, es setzte auch oftmals kräftige Hiebe mit dem Reitstock oder der Sälbelscheide. Natürlich gelten solche Hiebe stets dem widerspenstigen Gaul, der Reiter erhält sie nur – »aus Versehen«.

    Aber das eigentliche »Bimsen« beginnt erst beim Fußdienst, denn da braucht der Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Pferde zu nehmen, weil diese fehlen. Heimliche und offene Püffe, Knüffe und Fußtritte setzt es massenhaft. Ein beliebtes Mittel, jemandem die »Flötentöne« beizubringen, war, daß man ihn »zur Übung« Laufschritt machen ließ, bis ihm fast die Zunge zum Halse heraus hing. Wie oft habe ich »tippeln« müssen!

    Als auf diese Weise so acht Tage vergangen waren, gab's ein wichtiges Ereignis, die Vereidigung.

    Zur würdigen Vorbereitung wurden uns des Abends zuvor die Kriegsartikel verlesen. Mit gelindem Entsetzen hörte ich, welche exorbitanten Strafen auf die verschiedenen Vergehen angedroht sind. Da heißt es in einem fort: – wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft, – wird mit Zuchthaus bis zu fünfzehn Jahren und Ausstoßung aus dem Heere bestraft, – wird mit Gefängnis und Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes bestraft; und als bestes: – wird mit dem Tode bestraft.

    Am andern Tage ging's zur Kirche. Feierlich hallten die Worte des Divisionspfarrers durch den Raum. Er sprach von den erhabenen Pflichten des Soldaten, von der Ehre, des Königs Rock tragen zu dürfen, ganz so wie ich es schon in dem »Mahnwort« gelesen hatte, nur salbungsvoller, ermahnender, so wie es einem Priester zukommt. Zuletzt machte er uns nachdrücklich die Heiligkeit des Fahneneides klar.

    Mit sehr gemischten Gefühlen hatte ich die Rede angehört. Ob der Pfarrer auch schon Fußlappen gegessen hatte? Ob er auch schon von alten Leuten verbimst worden war? Ob er auch schon hatte rufen müssen: Ich bin ein Esel!?

    Merkwürdige Geschichte mit der Heiligkeit des Fahneneides, philosophierte ich. Da wird dem ganzen Vorgang ein wer weiß wie weihevoller Anstrich gegeben, und schließlich wird man doch zur Ableistung des Fahneneides einfach kommandiert. Wie sagte doch der Sergeant beim Verlesen der Kriegsartikel? »Den Fahneneid hat jeder Soldat zu leisten, ganz gleich, ob's ihm beim Kommiß paßt oder nicht. Sollte aber jemand auf den verrückten Gedanken kommen, den Eid zu verweigern, dann wandert er einfach so lange ins Loch, bis er gerne schwört, und sollte er neunundneunzig Eide auf einmal leisten.«

    Von der Kirche ging's zur Reitbahn. Dort formierten wir ein Viereck, und angesichts der enthüllten Standarte sprachen wir in Gegenwart der Offiziere die Eidesformel nach, die der Adjutant vorlas. Damit war die Zeremonie beendet.

    »Des Dienstes ewig gleich gestellte Uhr« läuft von nun an einförmig und regelmäßig weiter. Schon hatten wir die erste Besichtigung hinter uns. Der Brigadekommandeur, Generalmajor v. Rosenberg, war dazu erschienen; beim Reiten spendete er mir, in meiner Eigenschaft als Tetenreiter, ein kleines Lob.

    Während die Ausbildung im eigentlichen Dienst hauptsächlich von der körperlichen Gewandtheit und geistigen Begabung des Mannes abhängt, ist er bei dem »was hernach kommt«, sozusagen lediglich auf blindes Glück angewiesen. Denn bei allen diesen Obliegenheiten ist dem rein persönlichen Belieben der Vorgesetzten Tür und Tor geöffnet. Ist ihnen ein Untergebener aus irgendeinem Grunde unsympathisch, so bieten sich ihnen tausend Gelegenheiten, ihr Mütchen an ihm zu kühlen. So, daß ihm absolut nichts anzuhaben wäre, kann sich überhaupt kein Soldat »führen«, er mag so tüchtig und befähigt sein, wie er will.

    Der Stall und die Stube sind wahre Fundgruben für Anlässe, dem Manne das Leben bis zur Verzweiflung sauer zu machen. Erst in zweiter Linie kommt der Kasernenhof als Drillplatz hierfür in Betracht. Vor allem bei der unendlichen Putzerei lernt der Kavallerist nach und nach den ganzen Vorrat kleinlicher Schikanen kennen, die die Unteroffiziere und hauptsächlich – der Wachtmeister auf Lager haben. Die »Mutter der Schwadron« wird hier zum bösen Geist der Mannschaften.

    »Aßmus« setzte seinen ganzen Stolz darein, die »propperste« Schwadron zu haben. Mann, Pferd und Sattelzeug mußten stets aussehen, »wie aus dem Ei gepellt«. Hier fand er einen überzähligen Roßapfel im Stand, dort hatte sich der Woilach ein wenig verschoben; die Streu war nicht gut angestoßen, die Hufe »schlecht« gereinigt, ein Sattel hing schief auf dem Gestell, die Schlaufe am Halfter war kaputt, oder das Pferd hatte den Bruchteil eines Strohhalms im Schweif. Er sah alles und fand alles, gerade da, wo man es am wenigsten vermutete.

    Beim Pferdeappell fuhr er mit dem Bleistift über das Tier, und wehe, wenn sich hierbei ein weißer Strich auf dem Fell zeigte. Am Sattelzeug fand er hunderterlei Dinge, die sein Mißfallen erregten. Bügel, Gebiß, Schnallen, Kinnkette waren »verrostet«, wenn auch das schärfste Auge keinen Rostflecken zu entdecken vermochte. Sitzkissen, Riemen und Gurte waren nicht propper geschmiert oder mit Appretur gestrichen, und so weiter in beliebig verlängerter Reihenfolge. Dann die Sachen des »Kerls«. An Stiefeln und Sporen, an Helm und Waffen, vom Rockfutter und Brustbeutel an bis zu den Hosenknöpfen, an Betten, Spinden, Stuben und Türen gab es keine Stelle, die ihm nicht irgend einmal zu heftigstem Tadel Anlaß bot. Kurz, der Mann fand immer etwas, wenn er nur was finden wollte.

    Hatte er im Stall, bei der Stuben- und Spindrevision oder beim Appell sein gewünschtes Teil »gefunden«, so hagelte es zunächst eine wahre Flut der allersaftigsten Kasernenausdrücke auf die Sünder herab. Dann aber bekam der Berittführer seine »Reinigung«, weil er solchen »Schweinhund«, »Dreckspatz« und »Mistfinken« in seinem Beritt habe. Dieser wälzte nun seinerseits den Ärger über die empfangene »Nase« unter mindestens einem Dutzend der »heiligsten Kreuzhimmeldonnerwetter« auf das »elendige Sauvieh« ab. Glücklich, wenn's nur mit Schimpfen abging. Doch vom Schimpfen bis zum Schlagen ist's beim Kommiß noch nicht einmal ein halber Millimeter, geschweige denn ein Schritt. Ich erhielt bei solchen Gelegenheiten – ebenso wie die meisten meiner Kameraden – nicht nur zahlreiche Maulschellen, Püffe und Tritte, nein einmal gab mir der Berittführer sogar einen derartig wuchtigen Faustschlag ins Genick, daß mir das Blut aus Mund und Nase floß. Hätte ich diesen Schinderknecht damals gehabt, wo ich ihn hätte haben mögen, dann wär's ihm sicher auf eine Viertelstunde schlecht gegangen. Doch die geringste Widersetzlichkeit, auch nur im Affekt begangen, zieht unrettbar schwere Strafe nach sich. Die aber wollte ich nicht auch noch haben.

    Daß die Mißhandlung eines wehrlosen Menschen weiter nichts ist, als ein Akt grenzenlosester Feigheit, kommt den meisten dieser Leuteschinder offenbar gar nicht zum Bewußtsein; im Gegenteil sie brüsten sich noch damit und glauben, in echt preußischer Korporalsforsche ein ihren Vorgesetzten wohlgefälliges Werk getan zu haben. Und die höheren Vorgesetzten? Nun, »sie hören nichts, sie sehen nichts« und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch; wenn es nur irgend geht, drücken sie vielfach nicht nur eins, sondern gerne beide Augen zu, um nur ja nicht die heilige Disziplin zu gefährden. Erst dann, wenn bestimmte und direkte Meldungen erstattet werden, können sie nicht umhin, auf Grund der Bestimmungen einzuschreiten. Nur selten hört man von Offizieren, die grundsätzlich keine Mißhandlungen ihrer Mannschaften dulden; ich habe leider keinen Offizier dieser Spezies kennen gelernt.

    In jener Zeit trug ich mich ernsthaft mit Desertionsgedanken. War's ein Wunder? Selbstmord wollte ich nicht begehen, dazu war mir mein junges Leben doch zu lieb – und meine Peiniger mir zu wenig wert. Und »melden«? Ach, es war uns gerade oft genug gesagt worden: »Wer sich beschwert, der hat die ganzen drei Jahre keine frohe Stunde mehr; die Festung ist für den nicht weit!« So wurde ich, wie die meisten wurden: dickfellig, dreihaarig, abgebrüht. Zuletzt fehlte mir gar schon immer etwas, wenn ich nicht täglich das gewohnte Quantum von »Sauhund«, »Mistbauer« und »Stinkbock« zu hören bekam.

    »Aßmus« hatte regelmäßig eine Kolonne von Sündern in seinem Buche vorgemerkt, von denen immer nur der kleinste Teil auf Befehl des Rittmeisters notiert worden war; die Mehrzahl wurde von der fürsorglichen Schwadronsmutter nach eigenem Gutdünken und Ermessen »angekreidet«. Der Unteroffizier vom Tagesdienst oder sonst ein als guter Drillmeister bekannter Sergeant mußte dann des Mittags oder Abends die Strafgarde ein bis zwei Stunden »tippeln« lassen; natürlich immer nur zur »Übung«, nie zur Strafe, denn zur eigenmächtigen Verhängung von Strafen hatte der Wachtmeister ja kein Recht. Bei diesen »Übungen«, von denen ich wegen angeblicher Frechheit unzählige mitgemacht habe, wurden zunächst Schuppenketten und Säbelkoppel so stramm geschnallt wie es nur irgend angängig war. Dann ließ man uns, mit dem Gesicht der brennenden Sonne zugekehrt, so lange »stillstehen«, bis uns der Schweiß aus allen Poren brach und bei schwächlichen Personen bedenkliches Schwanken eintrat. Hierauf gab's »Laufschritt« oder »langsamen Schritt«; letzterer gewährte schon um deswillen einen grotesken Anblick, weil wir dabei den Säbel wie einen Besenstiel zwischen die Ellbogen auf den Rücken klemmen mußten und nun wie ein »Storch im Salat« a tempo unseren Stechschritt machten. Einfach lächerlich. Bei Waffenübungen korrigierte der Unteroffizier so lange die »Auslage«, bis der ermattete Arm die Klinge oder die Lanze nicht mehr zu halten vermochte. Die schönsten »Übungen« gab es jedoch auf der Stube. Da hieß es, am glühend geheizten Ofen in der Kniebeuge Schemel strecken. War's nach Ansicht des Vorgesetzten zu schlapp gemacht, so streichelte er die Leute mit »schmerzlosen Ohrfeigen« oder trat ihnen »aus Versehen« auf die Hühneraugen oder reckte ihnen die Nasen gerade, daß ihm die Haut fast an den Fingern kleben blieb, oder er spuckte ihnen zur Abwechselung einen gehörigen Priemqualster ins Gesicht. Ein besonderes Spezialmittel zur Rekrutenbändigung bestand darin, den Mannschaften die Nähte der Kleidungsstücke aufzutrennen oder die Knöpfe abzuschneiden und dann die so Bedachten im Hemd mit geflickten Lumpen in der Hand des Nachts um Zwölf vor dem Bett des Berittführers antreten zu lassen. Oder der Vorgesetzte bekam den Einfall, seine »Stifte« des Nachts aus den Betten zu jagen und diese, nur mit Hemd und Helm bekleidet, auf der Stube aller hand Exerzitien ausführen zu lassen. Ich will gerne zugeben, daß solche Trietzereien mitunter auch einen halb und halb humoristischen Anstrich gewannen; aber in der Regel war es ausgesuchte Quälerei und Schikane. Man kam überhaupt schließlich so weit, daß man sich gar nichts mehr dabei dachte, wenn einem auch vor innerer Wut die Tränen in den Augen standen.

    Alsbald galt so viel mir ein für allemal als sicher: Niemand sollte mehr kommen und von dem verfeinerten Ehrgefühl des deutschen Soldaten sprechen. Eine größere Lüge habe ich nie kennen gelernt. Im Gegenteil, das natürliche Ehrgefühl des Mannes wird durch eine derartige unwürdige Behandlung planmäßig abgestumpft und ertötet. Tagtäglich ausgehunzt und ausgeludert, und dazu noch wehrlos den rohesten Mißhandlungen ausgesetzt! Wollte man unter solchen Umständen wirklich Ehrgefühl beweisen, so bliebe nichts anderes übrig, als solchen Schinder von Vorgesetzten kurzerhand über den Haufen zu stechen und – so schnell wie möglich Selbstmord zu verüben. Aber die Abstumpfung ist so groß, daß sie zu einer derartigen Verzweiflungstat gar nicht mehr ausreicht. So läßt man sich denn schweigend und grollend zu einem willenlosen Maschinenteil dressieren. Ein Kamerad von mir kleidete seine Empfindungen einmal treffend in folgende Worte: Was eine Null ist, weiß ich, sie ist nichts; ein Soldat ist aber noch viel weniger wie eine Null!

    Es war Frühjahr geworden. Die schlimmste Drillperiode lag nun doch hinter uns. Täglich ritten die Schwadronen nach dem großen Exerzierplatz, der nach dem Schlosse Frescaty seinen Namen hat, in dem im Jahre 70 die Kapitulation von Metz unterzeichnet wurde. Der Dienst wurde jetzt ein wenig interessanter, abwechslungsreicher. Truppen aller Waffengattungen, Infanterie, Artillerie, Kavallerie, Pioniere und Train tummelten sich dort in kleinen Verbänden. Denn in Metz liegt beinahe ein ganzes Armeekorps in Garnison. Die »Zwiebelei« ist nun nicht mehr ganz so groß wie im Winter. Auch hat man sich endlich an das ganze Kommißleben gewöhnt, und mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend suchte man sich nun durch allerhand Kurzweil in der Kaserne sowie kleiner Amüsements außerhalb derselben über die erlittenen Schikanen und Drangsalierungen hinwegzuhelfen. Es fanden sich Kameraden, die des Abends oder am Sonntag auf der Stube komische Vorträge zum besten gaben oder zotige Lieder vortrugen. Oder ein musikalisches Genie baute sich aus Tischen und Schemeln einen Thron und ließ von hoher Warte die Jammerklänge einer Fidel oder Ziehharmonika ertönen, nach deren Takt sich dann die übrigen im Tanz drehten, daß die Sohlennägel davonflogen.

    Man nahm auch Abendurlaub – wenn man welchen bekam – und besuchte irgendeines der vielen ordinären Tingel-Tangel, oder falls es der magere Geldbeutel erlaubte, wurde ein »Zug« nach der Moselgasse oder Naglerstraße gemacht, in denen das öffentliche Bordellwesen von Metz seine Sumpfblüten treibt. Besonders nach den Löhnungstagen war der Andrang zu den Dirnen der öffentlichen Häuser ganz enorm. Was sich dann hinter den verhängten Fenstern jener schweigsamen Mauern abspielte, läßt sich hier nicht wiedergeben. Mancher Soldat holte sich dort eine Krankheit, die er bis dahin kaum vom Hörensagen kannte. Natürlich erzählten wir uns stets des andern Tages gegenseitig unsere »Erlebnisse« in allen Einzelheiten und in der Regel mit einer so zynischen Offenheit, daß die Wände davon hätten erröten können. Was sollte uns auch noch genieren? Hörten wir doch tagtäglich kaum etwas anderes wie eine wahre Flut der gemeinsten, unflätigsten Ausdrücke von unseren Vorgesetzten! Waren wir doch die allergetretensten, beschimpftesten Wesen, zum Tier herabgewürdigt. Unsere Scham war, wie unser Ehrgefühl, uns längst von unsern Herren Vorgesetzten ausgetrieben. Was Wunder, daß wir auch in geschlechtlichen Dingen alles Anstandsgefühl verloren hatten. Und so ist es gekommen, daß mir noch heute die Kaserne als eine Hochschule der Schamlosigkeit und Unsittlichkeit vor Augen steht.

    Schwadronsbesichtigung! »Aßmus« läßt uns »fummeln« zum Schwarzwerden. Sein Grundsatz ist: Dienst Nebensache, Hauptsache »Proprietät«. Am Morgen des großen Tages ist die Schwadron von dem ewigen Putzen und der vielen Instruktion ganz konfus geworden. Endlich sitzt alles zu Pferde. Der Rittmeister wackelt auf seinem Gummifuchs herbei, aus jeder Bewegung zuckt Nervosität. Plötzlich gibt er sich einen Ruck und reitet vor die Front. Die Füße bis an die Fersen im Bügel, die Beine weit vorgestreckt, die rechte Hand auf der Lende, so sitzt er auf seiner Rosinante. Aller Augen warten auf ihn. Da, ein lautes Räuspern, ein Strich am Schnurrbart – und nun schießt er los: »Dragoner!« – der Fuchs senkt die Ohren und hebt den Schweif – »Ich bitte mir aus, daß heute alles klappt. Geht die Geschichte gut, so bekommt Ihr ein Faß Bier«, – der Fuchs hat Blähungen – »Äh, Vieh!« Ein Zügelruck, ein paar Sporen – der Oberleutnant greint. »Aber Herr Leutnant! Herr Leutnant v. Baumbach, ich glaube gar, Sie lachen. Ich bitte mir aus, daß Sie bei der Geschichte ernst bleiben, sehr ernst sogar. Verstanden, Herr Leutnant?« Der Leutnant salutiert. – Wieder »hustet« der Fuchs. – »Bestie infame!« »Klappt die Geschichte aber nicht, dann – dann raucht's Euch in die Bude! Verstanden, Ihr Schwefelbande?«

    Die Rede war beendet, die Schwadron rückte ab nach dem Exerzierplatz. »Paradeaufstellung – Achtung!« quäkt der Rittmeister; der Brigadekommandeur naht. »Vater Rosenberg« schien nicht besonders rosig gelaunt zu sein. »Anreiten!« befiehlt er.

    Wir reiten hin, wir reiten her;

    wir reiten Kreuz und in die Quer,

    »daß Roß und Reiter schnoben

    und Kies und Funken stoben.«

    Zwei Stunden später ist die Besichtigung zu Ende. Was die Kritik dem »Pascha« gebracht – niemand weiß es, doch jeder ahnt es. Wie ein Klümpchen Unglück trottet er auf seinem Gummifuchs daher. Eine kleine Pause, dann bricht sein Zorn los: »Das war schweinemäßig, saumäßig, unter allem Luder! Wie eine Tatarenhorde reitet die Bande! Sergeant Gützlaff, Sie hielten keine Direktion, Ihr Zug brach aus. Weshalb? Herrr – ich stech' Sie vom Pferde, wenn mir das noch mal passiert! Und die Kerls da! Wachtmeister schreiben Sie auf – – –« Des Abends gab's kein Bier. Dafür aber wanderten der Sergeant und zwei Mann auf drei Tage in Arrest.

    Besichtigung zu Fuß! Die Schwadron steht komplett auf dem Kasernenhof, alles blitzblank geputzt. Wendungen und Griffe klappen, der Brigadekommandeur ist sichtlich befriedigt. Jetzt noch der Parademarsch. Zwei Züge zu je zwei Gliedern formiert, die beiden Leutnants als Zugführer. »Eskadron vorwärts marsch!« quietscht der Rittmeister. Großartig; die Karre geht. Doch was ist das? Zwei – vier – acht Mann hinken ja. Das Rätsel ist bald gelöst. Die zweiten Glieder hatten nicht genügend Abstand gehalten, sie traten ihren Vordermännern auf die Sporen. An jedem Sporn blieb auch gleich ein Absatz sitzen, und die Folge war, daß die Betroffenen mit einem Stiefel Zehengänger, mit dem andern Sohlengänger markierten.

    »Bis auf die Hinkerei war's gut«, sagte Vater Rosenberg. Des Abends gab's Bier; Paschas Zorn war wieder besänftigt.



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    Re: Drei Jahre Kavallerist

    Beitrag von Husaren14 am So Sep 30, 2012 11:17 pm

    In den warmen Sommertagen wechselten nun Regimentsexerzieren und Felddienstübungen miteinander ab. Frühmorgens wurde ausgerückt, erst nachmittags kehrten wir heim. Da wurde dann manchem der Magen schief, der nicht regelmäßig seine Speckpakete von zu Hause bekam. Denn hat man sich so mehrere Stunden lang von seinem Gaul durchstauchen lassen, fühlt man mitunter einen wahren Heißhunger. Doch wo etwas hernehmen? Höchstens, daß man an einem Stückchen trockenen Kommißbrot herumnagt, und das teilt man auch noch regelmäßig mit seinem Pferde. Des Mittags ist man dann bereits überhungert und kann die »Fußlappen«, »Galgennägel« und »Kälberzähne« kaum noch herunterwürgen. In dieser Zeit paßte auf uns Dragoner die Bezeichnung »leichte« Kavallerie tatsächlich, im vollen Sinne des Wortes. Wird man dann auch noch zu allem Überfluß mit grünen Bohnen gefüttert, dann kann das Reiten mitunter direkt zur Qual werden. Alle Augenblicke muß sich einer hinter den Busch drücken – und glücklich, wer immer noch rechtzeitig anlangt.

    Noch ein anderes Übel machte sich im Sommer recht unangenehm fühlbar, und das hieß: Wanzen und Flöhe. Für gewöhnlich spricht der Mensch von diesen Tierchen in mehr oder minder scherzhaftem Tone. Hier aber konnte einem schon bei dem bloßen Gedanken an das niederträchtige Viehzeug aller Scherz vergehen. Im Fußboden, in den Wandritzen und vornehmlich in den Betten hauste die braune stinkende Schar. Tagsüber saßen sie träge in ihren Schlupfwinkeln, doch des Nachts wurden sie lebendig. Wehe dann dem müden Schläfer, auf den sie es abgesehen hatten, mit seiner Nachtruhe war es vorbei. Das hüpfende Volk der Flöhe dagegen bindet sich an keine Zeit. Sie sind Tag- und Nachtraubtiere und piesaken, wo sie ankommen können. Auch militärische Kommandos scheinen sie zu verstehen. Ist nämlich »Stillgestanden« kommandiert, so stürzt sich wie auf Verabredung ein Rudel solcher Plagegeister auf den nichtsahnenden Mann und zwickt ihn nach Herzenslust. Einmal hätte ich um Haaresbreite Arrest bekommen, weil ich im Gliede nur einen Moment den Kopf bewegte, um einen besonders hartnäckigen Floh zu verscheuchen, der mir in der Halsbinde saß.

    Etwas Gutes haben die Viecher aber doch: sie peinigen wenigstens gleichmäßig Untergebene und Vorgesetzte, was sogar der »Herr Leutnant« in der Instruktionsstunde zu seinem Verdruß öfters erfuhr.

    Bei dem anstrengenden Dienst auf dem Exerzierplatz und im Gelände kommt es natürlich auch vor, daß sich jemand wund reitet. Diese wunden Stellen können sich dann mitunter derart verschlimmern, daß eine Aufnahme ins Lazarett erforderlich wird. Wer nicht gerade muß, der tut schon besser, kein »Lazarettbruder« zu werden, denn wenn der Arzt nicht gleich etwas an ihm findet, so bekommt er »vierte Form mit Musik«, so daß ihm bald der Magen knurrt und er sich schleunigst wieder gesund meldet. Schwerkranke werden jedoch sehr sorgfältig gepflegt.

    Leider kam es auch einmal vor, daß der Revierarzt einen Kranken als angeblichen Simulanten wieder zum Dienst schickte. Am andern Morgen war der »Drückeberger« – tot. Als wir diesen mysteriösen Vorfall untereinander auf der Stube besprachen, meinte ein hinzutretender Unteroffizier gefühlvoll: »Na, räsoniert man nicht so viel darüber, was ist hier an einem Kerl gelegen; das kostet nur ein Blatt Papier, dann ist wieder ein frischer da.« Und recht hatte er.

    Regimentsbesichtigung! Der kommandierende General des Armeekorps wird zugegen sein. In vollem Wichs rücken die Schwadronen nach dem großen Platz. Heute wird's heiß hergehen. Der Kommandeur richtet das Regiment aus. Es will nicht so, wie es soll. Immer wieder bilden sich Ecken und Bogen. Ein bebrillter Reserveonkel, der als Vizewachtmeister eingezogen war und seine Leutnantsübung machen soll, kann absolut nicht in die Richtung finden. »Etwas vorrücken«, schnarrt der Kommandeur. Der Gaul will nicht. »Noch mehr vorrücken, Herr!« klang es schärfer. Der Gaul tritt einen Schritt vor und zwei wieder zurück. Da verliert der Kommandeur die Geduld. Wütend jagt er auf das unglückselige Reserveherrchen los und schnauft: »Herr, scheren Sie sich in die Front, sonst reite ich Sie in den Dreck! Wenn Sie den Gaul nicht bearbeiten können, dann hätten Sie sich lieber krank melden sollen!« Der Ärmste machte jetzt tatsächlich ein Gesicht, als solle er im nächsten Moment vom Pferde fallen. »Aßmus« grinste schadenfroh; er mochte keine »Reservebrüder« leiden und hatte ihm deswegen gerade solch widerhaariges Vieh gegeben, mit dem sich beim besten Willen nichts reiten ließ.

    Endlich steht das Regiment; die Musik spielt. »Exzellenz« reitet mit seinem Stabe die Front ab. Der Parademarsch im Schritt ist alsbald beendet – nun kann das »Wienern« losgehen. Uns Mannschaften war es so ziemlich egal, was kam; wir konnten nicht mehr wie reiten. Wir wußten, heute saßen die Herren Offiziere in Schwulitäten, und dies Bewußtsein erfüllte manchen mit heimlicher Schadenfreude.

    Schmetternde Trompetensignale ertönen; das Regiment setzt sich in Trab. Nun folgen Schwenkungen, Formationen in Zug-, Eskadrons- und Regimentskolonne, abwechselnd nach Signalen, nach stummen Handbewegungen oder nach Kommando.

    »Regiment –!« ruft der Kommandeur.

    »Eskadron –!« heulen die Rittmeister nach; hierauf folgt das Ausführungskommando, zuerst vom Kommandeur gegeben, dann von den Rittmeistern nachgebrüllt. »Pascha« kann nicht brüllen, der kräht nur. Bald werden die Bewegungen lebhafter. Im Galopp geht es durch Gehölz, über Hindernisse aller Art und durch Schanzen. Die Sonne brennt heiß, trocken klebt die Zunge am Gaumen, den Pferden streicht der Schaum über das Vorderzeug.

    »Aufmarsch im Regiment!« heißt jetzt das Signal. Die Tetenzüge bleiben im Exerziergalopp, während die nachfolgenden unter dem Kommando der Zugführer: »Halblinks, starker!« in forcierter Gangart abbiegen, um mit den Tetenzügen in gleiche Richtung zu kommen. Ein hübscher Anblick, wenn die Tiere so dahinfegen, daß Kopf und Schweif fast eine gerade Linie bilden. Noch schöner wird das Bild, wenn nach vollzogenem Aufmarsch das ganze Regiment in wuchtigem Frontgalopp über das Feld jagt und alle fünf Schwadronen in nur zwei langgeschlossenen Gliedern wie eine Windsbraut dahinstürmen. Dies ist die Formation zur Attacke.

    Doch heute geht wieder einmal alles schief. In der Mitte entsteht plötzlich ein heilloser Wirrwarr. Die Rittmeister haben die Intervalle nicht richtig abgeschätzt, der Raum zwischen den Schwadronen reicht nicht aus, um den Zügen einen glatten Einlauf in die Front zu gestatten. Jeder Zug will seine Lücke ausfüllen, aber die Leute können keinen Platz finden. So preschen denn die Schwadronen in der Mitte mit Gewalt aneinander. Die Pferde drängen, bäumen, schlagen. Lanzen brechen, Reiter stürzen. Ein wilder, wüster Knäuel wälzt und wirbelt sich in einer dampfenden Wolke von Staub. Unterdessen jagen die Flügelschwadronen weiter, die festgefahrene Mitte in weitem Bogen überholend. Von einem geschlossenen Frontgalopp ist natürlich keine Rede mehr. »Halt, halt« ertönt das Signal, »Absitzen; zur Kritik«.

    Mit fliegenden Flanken stehen unsere Tiere und verschnaufen. Die Pause nach der Juxerei bekam ihnen sicher besser, wie den Rittmeistern die Kritik.

    »Aufgesessen!« heißt es nach einer Weile wieder; der zweite Akt beginnt. Er besteht in verschiedenen Gefechtsübungen, Attacken auf Infanterie, Artillerie und Kavallerie. Pferde und Reiter sind schon stark ermattet, Hunger und Durst macht sich erhöht fühlbar. Ei wie prächtig schmeckte mir da mein Priem, ich kniff ihn, daß mir die braune Sauce aus den Mundwinkeln hervorquoll; schade daß mein Pferd keinen annehmen wollte, sonst hätte es sich auch über das scheußliche Durstgefühl hinwegtäuschen können. Zum Schluß sollte noch ein Parademarsch im Galopp über den breiten Graben gemacht werden. Die Schwadronen setzen an. Mehreren der abgejagten Tiere will der weite Sprung jedoch nicht mehr gelingen; von jeder Schwadron stürzen etliche. Der dicke Wachtmeister von der zweiten Schwadron hat besonderes Pech. Sein Gaul springt mit den Vorderbeinen direkt in den Graben, der jetzt fast ausgetrocknet war, er selbst bohrt die Helmspitze tief in den Grabenschlamm. Von der ganzen werten Person war einige Augenblicke nichts weiter zu sehen, wie die dicke hintere Lederhalbkugel, die sich mählich über die obere Körperhälfte hinwegwälzte, nur widerwillig dem Gesetz der Schwere folgend. Und die Blätter seines Wachtmeisterbuches flogen nur so umher, als ich über ihn wegsetzte.

    Nach der Regimentsbesichtigung erfolgten täglich Felddienstübungen in größeren Truppenverbänden, wobei ich häufig als Patrouillenreiter tätig war. Während dieser Übungen lernte ich dann endlich eine Anzahl der bedeutendsten Stätten kennen, auf denen wichtige Schlachten des deutsch-französischen Krieges ausgefochten waren, so Gravelotte, Vionville, St. Privat, St. Marie aux Chenes, Colombey-Nouily und andere. Die Denkmäler auf den dortigen Massengräbern wie auch die vielen einzelnen Grabkreuze in den Kornfeldern riefen eigenartige Empfindungen in mir wach. Oftmals fragte ich mich: Wofür haben nun eigentlich diese Tausende von Menschen beider Nationen ihr junges Leben lassen müssen?

    Alsbald war auch das Gefechtsschießen und Brigadeexerzieren vorüber, und eines Tages hieß es: Morgen geht's ins Manöver.

    Das Wort Manöver hat ja für jeden Soldaten einen Klang; kommt man doch auf einige Wochen aus der muffigen Kaserne heraus. Das Leben ist etwas freier, ungebundener, auch können die Mannschaften nicht in dem Maße schikaniert werden, wie hinter den Kasernenmauern. Bald





    Signatur
    Hptm. u. Kp.=Chef
    7. Kp
    Kgl. Grenadier=Regt. König Friedrich Wilhelm II. (1. Schlesisches) No. 10


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    Carpe diem

      Aktuelles Datum und Uhrzeit: Mo Dez 18, 2017 9:04 am