Friedensausbildung der Kavallerie

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    Husaren14
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    Friedensausbildung der Kavallerie

    Beitrag von Husaren14 am Fr Sep 14, 2012 9:50 am

    Aus heutiger Sicht war die Haltung der Kavalleriepferde keineswegs artgerecht. Die Aufstallung erfolgte in Anbindehaltung in Ständern, die durch Flankierbäume getrennt waren. Im Winterhalbjahr wurde täglich 1 Stunde geritten, d. h. 23 Stunden am Tage standen die Pferde ohne Bewegung.

    Wenn im Sommerhalbjahr die Verbandsausbildung begann, waren die Pferde konditionell in denkbar schlechter Verfassung. Auch die Kavalleristen waren nur mangelhaft auf das Reiten größerer Distanzen vorbereitet.

    Da nicht jeder über die entsprechende Literatur verfügt, will ich hier auszugweise den General der Kavallerie Kurt von Unger zitieren (aus: Die deutsche Kavallerie in Krieg und Frieden; Egan-Krieger; Wilhelm Andermann Verlag, Berlin; Die Ausbildung der Kavallerie vor dem Weltkriege):

    Zum Schluß sei mir gestattet, einige Punkte unserer Vorkriegs-Ausbildung zu berühren, die nicht mein volles Einverständnis finden.

    Die Ausbildung im Feuerkampf genügte nur notdürftig. Das vollkommene Vertrautsein mit dem Schützengefecht und das gefechtsmäßige Schießen hätte stärker betont werden müssen. Sehr haperte es mit der Fertigkeit der höheren Stellen bei Ansatz und Durchführung des Angriffsgefechts. Kommandierungen der Stabsoffiziere zur Infanterie, um durch Führung von Bataillonen und Regimentern sich in die infanteristischen Kampfweise einzuleben, wäre sehr am Platze gewesen.

    Das formale Exerzieren zu Pferde erfreute sich reichlich starker Beliebtheit. Die Gründe dafür werden nachher berührt. Gleichzeitig brachte die herrschende Auffassung unseren "Galoppfanatismus" zu voller Blüte. Kraß ausgedrückt, haben wir im Sommerhalbjahr unsere Pferde halb kaputt galoppiert. Ein Trainer, im Frühjahr beauftragt, das Pferd für ein Herbstrennen fertigzumachen, hätte alsbald alle Kundschaft verloren, wenn er seinen Pflegling - bei 16 Pfund Hafer und leichtestem Gewicht - derartige Galopps einverleibt hätte, wie wir sie den Schwadronspferden zumuteten. Die Folge war, daß die schon recht ausgepumpt in das Manöver eintretenden Pferde dort so ziemlich den Rest bekamen. Ein fremder Militärattachee hatte so unrecht nicht, als er nach einem Kaisermanöver aüßerte: "Wenn jetzt ein Feldzug ausbricht, muß die deutsche Kavallerie dessen erste Wochen benutzen, ihre Pferde wieder leistungsfähig zu machen. - Es wäre mir interessant, zu erfahren, wieviele geschlossene Verbände denn überhaupt im Weltkriege nennenswert Galopp geritten haben und wie oft. - Ich will mit Vorstehendem wahrlich keinem die Freude am frischen, fröhlichen Galopp schmälern. Und wenn Napoleon seinen Reiterführer Murat belobte, weil er auch "im Trabe" denken konnte, so haben wir gelernt, sogar "im Galopp zu denken".

    Unsere Ausbildung, besonders in den größeren Verbänden, wurde zusehr beherrscht von der Auffassung, es gäbe auch im modernen Kriege noch so etwas wie friderizianische Kavallerie-Schlachtentätigkeit. Daher der starke Exerzierdrill und der Galoppfanatismus. Ich kenne nur die Stimme des Generals von Bernhardi, die sich unter Hinweis auf heutige Geländebeschaffenheit und Feuerwirkung gegen die starke Betonung dieser Art Gefechtstätigkeit aussprach. Er wurde überhört, aber der Kriegsverlauf gab ihm glänzend recht. Die Ausbildung hätte die operative Tätigkeit mehr in den Vordergrund stellen müssen. Huldigte man nun aber einmal der "Reiterschlacht", dann fehlte hierfür eine genügende Ausbildung von Divisionsführern. Von denen, die als solche in den Weltkrieg hinauszogen, hatte, glaube ich, die Mehrzahl noch nie eine Kavallerie-Division im Frieden geführt.

    Allgemein galt die Führung einer solchen als besonders schwierig. Mit vollem Recht, wenn man dabei die Forderung schnellster Entschlüsse auch bei noch ungeklärter Lage und schnellster, gedrängtester Befehlsgebung im Auge hatte. Mit weniger Recht, was Wesen und Art der Führung anbetrifft. Gerade in dieser Beziehung herrschte noch keine volle Klarheit, obwohl uns das neueste Reglement einen guten Schritt vorwärts gebracht hatte. Es spukten noch sehr die vergilbten Begriffe von "Dreitreffentaktik" in den Köpfen herum, dadurch genährt, daß lange Zeit hindurch unsere reiterlichen Kampfgruppierungen fälschlicherweise "Treffen" genannt wurden. Eigentliche Treffentaktik im friderizianischen Sinne haben wir überhaupt nicht mehr erlebt. Was man oft noch "treffenweise" Verwendung nannte, war längst eine "flügelweise". Die Gefechtskörper verschiedener Verbände ritten nicht, wie zur Zeit des großen Königs, auf Vordermann, sondern nebeneinander, gleichgültig, ob auf gleicher Höhe oder gestaffelt.

    Aber der Begriff "flügelweise" Verwendung erschöpfte das Wesen der Führung auch nicht. Der Kern lag in der Formel "Führung nach Kommandoeinheiten". Ihre schlichte Befolgung hätte dem Divisionsführer manche Beklemmung erspart. Selbstständige Gefechtsaufträge an die drei Brigaden, nicht verzwickte Hantierungen mit sogenannten Treffen!

    Viel zu wenig wurde die Forderung nach kriegsmäßigem Platz des Führers beachtet. Die Folge war, daß die nachgeordneten Instanzen es nicht gelernt hatten, dem höheren Führer dauernd über die Ereignisse in vorderster Linie Meldung zu erstatten. "Er sieht es ja selber", dabei beruhigte man sich, übersah aber, daß der Führerplatz meist völlig unkriegsmäßig war.


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