Feldartillerie-Schießschule

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    Gardestern

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    Ort : Jüterbog
    Hobbys : Geschichte, speziell Stadt- u. Garnisongeschichte

    Feldartillerie-Schießschule

    Beitrag von Gardestern am Do Jan 17, 2013 8:22 pm

    Meyers Lexikon von 1879 erläutert: „Die Feldartillerie ist bestimmt, die Feldarmeen eines Heeres zu begleiten... und bedarf, da ihre Ziele, wenn auch nicht stets lebende, doch vorwiegend solcher von geringerer Widerstandfähigkeit sind, nur Geschütze und Geschosse von geringerem Gewicht.“ Es war die Hauptgattung der preußisch-deutschen Artillerie.

    Die Ranglisten des Preußischen Heeres vermerken, daß die Artillerie-Schießschule Berlin ab dem 1. April 1890 in Jüterbog stationiert ist. Ihr Kommandeur war in diesem Jahr Oberstleutnant v. Reichenau, der auch in den Folgejahren, nach der Ausgliederung der Fußartillerie-Schießschule, die Feldartillerie-Schießschule führte.

    Der Feldartillerie-Schießschule waren als Aufgaben zugewiesen:
    - Die Ausbildung sämtlicher Offiziere dieser Waffengattung, einschließlich der Heere von Bayern, Sachsen und Württemberg.
    - Die Weiterbildung der Lehrtruppenteile.
    - Die Weiterentwicklung der Schießkunst, wozu auch die notwendigen Versuche auszuführen waren, und
    - Die Heranbildung von Lehrern für die Schule der Feldartillerie.

    Zur Erfüllung der genannten Aufgaben war der Schule zunächst folgendes Offizierskorps zugeteilt: ein Oberst als Kommandeur, ein Adjutant, zwei Stabsoffiziere, sowie vier weitere Stabsoffiziere und zwölf Hauptleute als Lehrer. Dazu gab es in der Lehrabteilung einen Oberstabsarzt, einen Assistenzarzt, zwei Zahlmeister, einen Oberroßarzt und einen Roßarzt.

    Die Ausbildung umfaßte „bei den älteren Offizieren das Schießen und die taktische Verwendung der Waffe, soweit sie bei Einnahme der Feuerstellung in Betracht kommt, die Beurteilung und Behandlung des Materials und die allgemeine Kenntnis der Feldartillerie anderer Armeen.“ Schulungsinhalt für die Offiziere im Leutnantsrang waren „alle für den Gebrauch der Geschütze notwendigen wissenschaftlichen und praktischen Kenntnisse, die Tätigkeit des Zugführers, die Leitung des Feuers einer Batterie und die allgemeine Kenntnis der Feldartillerie anderer Armeen.“ Das Lehrprogramm für die Offiziere des Beurlaubtenstandes umfaßte die Tätigkeit des Zugführers, die Leitung des Feuers einer Batterie und die Beurteilung des Materials beim Schießen.

    Der Inspekteur der Feldartillerie war in allen Personalangelegenheiten und Fragen des Dienstbetriebes der Vorgesetzte der Schule. Während die Schule zum Dienstbereich des Generalkommandos des Gardekorps gehörte, war in Garnisonangelegenheiten das III. Armeekorps zuständig. Die Militärgerichtsbarkeit war ebenso organisiert wie bei der Fußartillerie-Schießschule.

    Am 1. Oktober 1890 bekam die Schule eine weitere (dritte) Lehrbatterie, womit die Lehrtruppe der Feldartillerie zur Abteilungsstärke anwuchs. Schon am 1. Oktober 1893 kam eine komplette zweite Abteilung hinzu. Die I. Lehrabteilung bezog als erste Quartiere in Jüterbog 2, die II. Abteilung mußte sich noch bis zur Fertigstellung der weiteren Kasernen mit Bürgerquartieren in der Stadt Jüterbog begnügen.

    Die Feldartillerie wurde in reitende und fahrende Batterien unterschieden. Dabei bildeten bei den fahrenden Batterien drei eine Abteilung und bei den reitenden sind in der Regel schon zwei Batterien zu einer Abteilung zusammengefaßt gewesen. Zur Zeit der Gründung der Jüterboger Artillerie-Schießschulen hatte die deutsche Feldartillerie die leichte Feldkanone C/76 für die reitende Artillerie mit einem Kaliber von 7,85 cm und die schwere Feldkanone für die fahrende Artillerie mit einem Kaliber von 8,8 cm.
    • Bei der reitenden Artillerie, die der Schnelligkeit der Kavallerie in der Bewegung entsprechen sollte, waren alle Kanoniere beritten, wobei zur Geschützbedienung noch drei Pferdehalter hinzukamen. „…sie führt ein leichteres Geschütz und ist im stande, auch bei längerer Bewegung in schwierigem Gelände eine größere Schnelligkeit zu entfalten,…“ Die Geschützmasse betrug 1 800 kg, die Zuglast jedes Pferdes rund 300 kg.
    • Bei einer fahrenden Batterie ist jedes Geschütz mit sechs vom Sattel aus gefahrenen Pferden bespannt gewesen. Der Geschützführer war ebenfalls reitend. Von den sieben Kanonieren saßen fünf auf dem Geschütz (drei auf der Protze, zwei auf den Achssitzen der Lafette), der Rest auf dem Munitionswagen. Hier betrug die Masse des Geschützes 1 940 bis 2 365 kg und die Zuglast pro Pferd 323 kg.
    Die Bedienung der fahrenden Artillerie hatte als Bewaffnung in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts ein kurzes Seitengewehr und den Revolver Mod. 83. In Anlehnung an die Kavallerie besaßen die reitenden Artilleristen statt des Seitengewehres einen Schleppsäbel, die übrigen Artilleristen ein Faschinenmesser und einen Tornister. Statt der Kochgeschirre hatte die Feldartillerie für je 10 Mann einen Kameradschafts-Kochapparat.
    Der Krieg 1870/71 hatte eindrucksvoll die Überlegenheit des Hinterladers bei der Artillerie bewiesen. Aus diesen Erfahrungen gab es bei der Feldartillerie das verbesserte Feldgeschütz Mod. 73. Die Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse war erhöht, die Flugbahn gestreckter und die Treffsicherheit wie die Wirkung verbessert. Kurz vor der Jahrhundertwende ist das Geschütz 73/88 von dem 73/91 abgelöst worden. Die reitenden wie die fahrenden Batterien hatten nun ein Feldgeschütz mit dem einheitlichen Kaliber von 8,8 cm. Gegen ungeschützte Ziele wurden auf größere Distanz Schrapnells eingesetzt, die mit Brennzünder bei 4 500 m krepierten und ohne auf 6 500 m ihre Wirkung erzielten. Auf kurze Distanzen, z. B. zur Selbstverteidigung der Batterien, kam die Kartätsche zum Einsatz, deren Bleikugeln maximal 300 m weit wirkten.

    Um die Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg war die Feldartillerie in Preußen (einschließlich Bayern und Württemberg) mit einem dunkelblauen Waffenrock mit roten Vorstößen und gelben Knöpfen bekleidet. Die Achselklappen waren rot, trugen in der Regel die Regimentsnummer bzw. bei der Jüterboger Schule die Initialen „FAS“. Der Kragen und die „schwedischen“ Ärmelaufschläge waren schwarz, bei der Garde - und damit der Schießschule - mit gelben Litzen besetzt. Wie bei allen Gardisten ist zur Parade auf dem Helm ein weißer Haarbusch getragen worden.

    1895 übernahm Oberst Schmidt das Kommando über die Feldartillerie-Schießschule, und Major Pape führte die Lehrtruppe. Nach einer Übersicht aus dem Jahre 1896 war Pr.Lt. Hasselbach Adjutant des Kommandeurs. Zum Stab der Schule gehörten die Oberstleutnante Hesse und Korwan. Lehrer waren die Majore Kaufmann, Heer, Beutner, Schütze sowie die Hauptleute Voigt, Tognarelli, Braun, Plieger, Stolzenburg, Scholl, Wentscher, Trimhorn, Kern, v. Ditfurth, Kühne und Fhr. v. Watter. Die eine Lehrabteilung führte Major Schuch, die andere Major Pape. 26 weitre Offiziere gehörten der Lehrtruppe an. Hinzu kamen der Oberstabsarzt Dr. Gielen, der Assistenzarzt I. Klasse Elsner sowie die Feuerwerks-Pr.Leutnante Wittcke und Lindemann. 1898 war der Kommandeur der Lehrtruppe Schuch Oberstleutnant. Er wurde im nächsten Jahr von Major Pelzer abgelöst.

    Am 1. Oktober 1900 wurde eine III. Lehrabteilung aufgestellt. Ihre Unterbringung erfolgte in Altes Lager. Im gleichen Jahr trat mit Generalmajor v. Wittken erstmals ein General an die Spitze der Schule. Die drei Lehrabteilungen sind gleichzeitig zu einem Lehrregiment zusammengefaßt worden, das Oberstleutnant Kettembeil als Kommandeur erhielt. Das Lehrregiment nahm gemeinsam mit dem Kommandeur der Feldartillerie-Schießschule regelmäßig an der großen Herbstparade und den Manövern des Gardekorps teil.

    Großen Besuch hatte die Schule im gleichen Jahr durch zwei Monarchen, für die ein Schießen der Infanterie- und Artillerie-Schulen sowie weiterer Regimenter des Garde-Korps am 5. Mai stattfand. Überschwenglich stand darüber im Wittenberger Tageblatt zu lesen: „Alle Zuschauer und Theilnehmer an der Schießübung in Jüterbog, welche am Sonnabend vor den Kaisern Wilhelm und Franz Josef veranstaltet wurde, können nicht genug von der Treffsicherheit der Artillerie erzählen; ganz verblüffend war es, wie schnell die Artillerie die durch Scheiben markierte Kavallerie fortfegte, schon bei 8000 m schlugen die Geschosse ein, freilich bei dieser Entfernung noch ohne große Wirkung; bei 3000 m aber bei dem furchtbaren Schnellfeuer verschwanden die Scheiben rasend schnell vom Erdboden.“ Auch Souvenirs blieben in der Schule zurück: „Das Kommando der Feld-Artillerie-Schießschule hat die Mitteilung erhalten, daß Se. Majestät der Kaiser von Österreich dem Offizierskasino der Feld-Artillerie-Schießschule zur Erinnerung an den Besuch vom 5. Mai Allerhöchst sein Porträt zu Geschenk gemacht hat. Noch eine zweite Erinnerung bewahrt das Kasino an den hohen Gast: Beide Kaiser sowie der Kronprinz und Prinz Heinrich haben sich in das Gästebuch eingetragen.“

    Die Zusammensetzung der Schule war um die Jahrhundertwende wie folgt organisiert: „dem Stabe (Kommandeur, Adjutant, die Stabsoffiziere beim Stabe, die Feuerwerksoffiziere und das Unterpersonal) dem Lehrregimente. Das Offizierskorps wird durch Versetzung aus der gesamten Feldartillerie ergänzt; der Kommandeur der Schule ist ein General oder Stabsoffizier der Feldartillerie mit der Disziplinargewalt und Urlaubsbefugnis eines Brigadekommandeurs; dem Lehrregiment gegenüber hat er die Stellung eines Brigadekommandeurs.“

    Näheres zu der Arbeit der Schule findet sich als zeitgenössische Quelle im Wittenberger Tageblatt: „Bei der Feldartillerie-Schießschule in Jüterbog sind in diesem Jahre zum ersten Mal Reserve- und Landwehrleute zu einer zweiwöchigen Übung eingezogen worden; sie werden fast ausschließlich aus Berlin und der Provinz Brandenburg entnommen. Wie verlautet, wird die Feldartillerie-Schießschule, da sie seit vorigen Herbst ein Regiment bildet, fortan in jedem Jahre Übungsmannschaften einziehen.“

    Wie man eine Beförderung zu der Zeit feierte, zeigt ein Artikel der oben genannten Zeitung aus dem Jahre 1902: „Die Avancierten de Artillerie-Schießschule in Jüterbog haben, wie wir erst jetzt hören, am Sonntag mit ihren Damen eine etwas weitgehende Landpartie gemacht. Die Herren kamen von Jüterbog mit der Bahn hier an, bestiegen hier vier zuvor bestellte Kremser…und fuhren damit nach Wörlitz, amüsierten sich dort in der üblichen Weise und fügten auch noch ein Tänzchen hinzu. Auf der Rückfahrt wurde in Griebo ein zweiter Tanz arrangiert, an dem sich auch Wittenberger und Amerikaner beteiligten, und ein drittes Tanzfest, das sich bis nachts zwei Uhr hinzog, wurde dann in Muths Saal abgehalten, nach welchem dann die Herren wieder nach Jüterbog zurückkehrten.“

    Von 1901 bis 1903 führte Generalmajor Kehrer das Kommando der Feldartillerie-Schießschule. 1904 avancierte der bisherige Führer des Lehrregiments, Oberst Kettembeil, zum Kommandeur der Schule. Das Lehrregiment übernahm Oberstleutnant v. Renesse. 1906 wurden Kettembeil Generalmajor und v. Renesse Oberst.

    (Auszug aus der Geschichte der Garnison Jüterbog 1864-1994 'Jammerbock' von H. Schulze)


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    Vorkommnis an der FAS

    Beitrag von Gardestern am Do Jan 17, 2013 8:24 pm

    Das Wittenberger Tageblatt schrieb am 16. Oktober 1901:

    „Jüterbog, 14. Oktober.
    Der zur Schießschule commandierte Unteroffizier Herzberg von der ersten Lehrkompanie der Fußartillerie hat sich in dem Garten eines dortigen Vergnügungsetablissements durch einen Revolverschuß in den Kopf getötet. Der Selbstmord war, wie uns aus Jüterbog geschrieben wird, durch folgendes Vorkommnis veranlaßt worden: Herzberg war für gestern (Sonntag) als Wirtshauspatrouille commandiert und hielt sich zu Ausübung dieses Dienstes im Thielemannschen Lokal auf, in dem der gewohnte Tanz abgehalten wurde. Im Laufe des Abends forderte er den Wirt auf, ein junges Mädchen aus dem Lokal zu entfernen. Da der Wirt, der das Mädchen nicht kannte, dieser Aufforderung nach nachkam, so legte Herzberg selbst Hand an und entfernte das Mädchen gewaltsam. Darüber zur Rede gestellt, geriet der Unteroffizier so in Wuth, daß der den Wirt mit Schlägen traktierte. Als die übrigen im Lokal anwesenden Unteroffiziere herbeieilten, um Herzberg von weiteren Thätlichkeiten zurückzuhalten, zog dieser blank und schlug den zu Hilfe gerufenen Oberwachtmeister der Gendarmerie mit seinem Seitengewehr über den Kopf. Es gelang nun, den Herzberg zu bändigen. Um den Wütenden, der offenbar nicht nüchtern war, austoben zu lassen, sperrte man ihn in ein Zimmer, aus dem er jedoch durch das Fenster entwich. Nun ging Herzberg nochmals in das Lokal und rief dem Wirt zu, daß er ihn erschießen werde. Darauf begab er sich nach der Militärwache, wo er sich, ohne daß es jemand bemerkte, eine Patrone aneignete; es kam ihm dabei der Umstand zu statten, daß der wachhabende Unteroffizier gerade nicht anwesend war. In der Kaserne legte er den Helm hab und begab sich dann mit dem Karabiner nach dem Lokal zurück. Vor dem Betreten desselben muß er wohl den Lauf der Waffe mit Wasser gefüllt haben. Als er das Lokal betrat und auf den Wirt anlegen wollte, wurde er von den Anwesenden zurückgedrängt und fast über den Haufen geworfen. Als Herzberg sah, daß er nichts weiter ausrichten konnte, eilte er in den Garten, gefolgt von vielen Anwesenden. Plötzlich krachte ein Schuß, und als man hinzukam, lag Herzberg mit zerschmettertem Schädel todt da. Er hatte sich durch einen Wasserschuß in den Mund getödtet. Herzberg diente bereits im sechsten Jahre. Die Leiche wurde nach dem Schauhause geschafft.“

    Laut standesamtlicher Unterlagen hieß der Mann mit vollem Namen Heinrich Carl Herzberger aus Queckborn, Krs. Gießen, Hessen. Doch demnach wurde er in den städtischen Anlagen tot aufgefunden. „Die Sterbestunde hat nicht näher festgestellt werden können.“ Also wußte die Presse schon damals mehr, als wirklich amtlich bekannt war, was die Seriosität des Zeitungsberichtes in Zweifel zieht.

    (Quelle: Barbara-Meldugn 22)


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    Re: Feldartillerie-Schießschule

    Beitrag von Husaren14 am Fr Jan 18, 2013 1:24 pm

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